Bei der gestrigen Online-Live-Demo „Kluge Köpfe. Klare Kante.“ ging es um eine Frage, die viele neurodivergente Menschen im Berufsleben begleitet:
Warum fühlt sich mein Berufsleben so schwer an?
Dieses Gefühl kenne ich selbst sehr gut. Lange hatte ich im Berufsleben den Eindruck, mit meiner Wahrnehmung ziemlich allein zu sein. Ich habe mich oft gefragt, ob es noch andere Menschen gibt, die ähnlich denken, ähnlich fühlen und ähnlich auf Strukturen reagieren. Ich hatte die Hoffnung, sie würden irgendwo da draußen sein. Damals hatte ich den Traum von einem Raum, in dem ich offen ansprechen kann, was nicht läuft und in dem gleichzeitig Lösungen entwickelt werden, wie ich den Status quo für mich und vielleicht auch für andere ändern kann. Genau deshalb habe ich die Online-Live-Demo ins Leben gerufen.
Einmal pro Quartal kommen hier Menschen zusammen, die im Berufsleben immer wieder an ähnliche Grenzen stoßen. Menschen, die etwas bewegen wollen, Ideen haben und Verantwortung übernehmen möchten, aber in bestehenden Systemen immer wieder ausgebremst werden.
Wo Menschen im Berufsleben immer wieder an Grenzen stoßen
Nach einer kurzen Einführung habe ich die Demo mit folgender Frage gestartet:
Wo stoßt ihr im Arbeitsleben immer wieder an eure Grenzen?
Einige Teilnehmende berichteten von Bossing oder Mikromanagement durch Vorgesetzte. Andere beschrieben fehlende Kommunikation oder Entscheidungen, die ohne Rücksprache getroffen werden. Wieder andere erzählten davon, dass sie immer wieder hören, sie seien „gedanklich zehn Schritte voraus“.
Auch das Gefühl von Langeweile bei gleichzeitig hoher Überforderung kam mehrfach zur Sprache. Aufgaben erscheinen entweder zu einfach oder sie werden in einer Form organisiert, die kaum Raum für eigene Ideen lässt. Auf Dauer entsteht daraus eine Frustration, die viele sehr gut kennen.
Einige Teilnehmende beschrieben auch, wie anstrengend es sein kann, ständig Dinge „aufzuräumen“, die andere liegen lassen. Andere erzählten davon, dass sie sich immer wieder bremsen müssen, obwohl sie gedanklich längst weiter sind.
Was sich in diesen Rückmeldungen deutlich zeigt: Viele dieser Erfahrungen ähneln sich sehr.
Neurodivergenz und unterschiedliche Denkweisen
In der Demo habe ich deshalb kurz eingeordnet, warum gerade neurodivergente Menschen im Arbeitsleben häufig an solchen Punkten anecken.
Der Begriff Neurodivergenz beschreibt unterschiedliche neurologische Ausprägungen wie ADHS, Autismus, Hoch- oder Vielbegabung oder Hochsensibilität. Diese Menschen nehmen Informationen anders wahr, denken häufig schneller oder vernetzter und reagieren sensibler auf ihre Umgebung.
Menschen mit ADHS bringen oft eine enorme Ideenvielfalt und Energie mit, stoßen aber in sehr starren Strukturen schnell an Grenzen.
Autistische Menschen erkennen Muster und Unstimmigkeiten früh, während unklare Kommunikation im Arbeitsalltag belastend sein kann.
Hochbegabte denken häufig mehrere Schritte voraus und erleben deshalb immer wieder, dass ihr Tempo im System nicht vorgesehen ist.
Hochsensible nehmen Stimmungen, Spannungen und Zwischentöne besonders stark wahr, was in konfliktgeladenen Arbeitsumfeldern schnell anstrengend wird.
Viele der Teilnehmenden erkannten sich in diesen Beschreibungen wieder. Lange wusste ich selbst nicht, dass man diese unterschiedlichen Denkweisen unter dem Begriff Neurodivergenz zusammenfasst. Ich habe einfach gemerkt, dass ich Dinge anders wahrnehme, anders ticke und auf Strukturen anders reagiere.
Der Begriff des intellektuellen Rebellen ist deshalb aus meiner eigenen Erfahrung entstanden. Erst als ich begonnen habe, darüber zu sprechen und immer wieder gefragt wurde, wer sich dahinter eigentlich verbirgt, bin ich auf Neurodivergenz aufmerksam geworden, habe mich intensiver damit beschäftigt und mich fachlich weitergebildet. Heute weiß ich, dass viele der Menschen, mit denen ich arbeite, als neurodivergent bezeichnet werden. Trotzdem arbeite ich bewusst nicht mit Diagnosen, sondern weiterhin mit Menschen.
Wie könnte ein Berufsleben aussehen, das wirklich passt?
Nachdem wir gesammelt hatten, wo Menschen im Berufsleben immer wieder an ihre Grenzen stoßen, ging es im nächsten Schritt darum, mögliche Wege aufzuzeigen, wie sich ein Berufsleben anders gestalten lässt.
Hier unterscheide ich drei grundsätzliche Richtungen:
- Der erste Weg ist, Strukturen innerhalb des Unternehmens zu verändern. Das kann bedeuten, die eigene Rolle neu zu definieren, mehr Verantwortung zu übernehmen, stärker in Entscheidungen eingebunden zu werden oder sich in Projekten einzubringen, um seine Vielseitigkeit leben zu können und Abwechslung in den Arbeitsalltag zu bringen.
- Der zweite Weg ist die Teilselbstständigkeit. Viele Menschen beginnen damit, neben ihrem Job ein eigenes Projekt aufzubauen, eine Idee umzusetzen oder ein zweites Standbein zu entwickeln. Dabei geht es nicht immer nur um eine höhere finanzielle Stabilität, sondern häufig auch darum, sich mehr Erfüllung und Gestaltungsspielraum ins Berufsleben zu holen.
- Der dritte Weg ist die Vollselbstständigkeit. In der Regel ist das selten der erste Schritt. Viele meiner Klient:innen entwickeln diesen Weg erst nach und nach, wenn sie merken, dass sie ihr Berufsleben dauerhaft freier gestalten möchten. Hier bietet sich auch an, diesen Weg aus einer Teilselbstständigkeit heraus zu entwickeln.
Nachdem ich diese Varianten als kurze Inspirationen vorgestellt hatte, stellte ich folgende Aufgabe:
Stell dir vor, du bekommst von mir einen Zauberstift. Alles, was du aufschreibst, geht in Erfüllung. Also: Wie sieht dein Berufsleben aus, wenn du genau weißt, dass du das so leben kannst?
Die Antworten im Chat waren sehr klar. Viele wünschten sich mehr Freiheit in der Gestaltung ihrer Arbeit, mehr Verantwortung und die Möglichkeit, ihre Ideen wirklich umzusetzen. Andere beschrieben, dass sie ortsunabhängig arbeiten möchten oder mit Menschen zusammenarbeiten wollen, die wirklich etwas verändern wollen. In vielen Sätzen erkannte ich meine eigene Vision und meine Ideen wieder.
Vom Traum zur Realität
Anschließend ging es darum, aus dem Traumzustand zurück in die Realität zu kommen. Daher stellte ich eine provokative Frage:
Was müsstest du tun, damit dieses Berufsleben auf keinen Fall Realität wird?
Die Aufgabe war, zehn bis fünfzehn Punkte aufzuschreiben. Also ganz konkret: Welche Gedanken, Entscheidungen oder Verhaltensweisen würden zuverlässig dafür sorgen, dass dieses gewünschte Berufsleben niemals entsteht?
Viele schrieben Dinge auf wie: die eigenen Bedürfnisse ignorieren, sich weiterhin anpassen, die eigene Meinung nicht aussprechen, Entscheidungen aufschieben oder an den eigenen Fähigkeiten zweifeln.
Im nächsten Schritt ging es darum, diese Liste noch einmal anzuschauen und zu markieren, welche dieser Punkte aktuell tatsächlich zutreffen. Und genau dort wurde es für viele sehr klar. Denn plötzlich lag vor ihnen schwarz auf weiß, welche Muster sie selbst immer wieder aufrechterhalten und wo sie sich somit selbst ausbremsen.
Aus diesen markierten Punkten haben wir anschließend die nächsten Schritte abgeleitet. Ziel war es, mindestens drei konkrete Schritte festzulegen, die jede Person ab morgen gehen kann, um das eigene Berufsleben stärker nach sich selbst auszurichten.
Mein Fazit
Die gestrige Demo hat wieder einmal sehr deutlich gezeigt, dass viele kluge Menschen im Berufsleben nicht an mangelnden Fähigkeiten scheitern, sondern an Strukturen, die für ihre Denkweise schlicht nicht gemacht sind.
Wenn Ideen ausgebremst werden, Verantwortung klein gehalten wird und Kommunikation nur in eine Richtung läuft, entsteht schnell das Gefühl, nicht ins System zu passen. Genau deshalb ist es so wichtig, diese Punkte offen auszusprechen und neue Wege zu entwickeln.
Denn am Ende geht es nicht darum, sich noch stärker anzupassen. Es geht darum, das eigene Berufsleben so zu gestalten, dass Denken, Arbeiten und Verantwortung zusammenpassen.
Wenn du das nächste Mal live dabei sein willst: Am 11. Juni 2026 um 19 Uhr startet die nächste Online-Live-Demo „Kluge Köpfe. Klare Kante.“ Ich freue mich, wenn wir den Kreis erweitern und zu einer Bewegung werden, die sich nicht mehr stoppen lässt. Hier kannst du dich zur nächsten Online-Live-Demo anmelden.
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📖 Radikale Selbstführung im Berufsleben: Beruflich weitergehen, wenn andere bleiben
📖 Zwischen Freiheit und Unsicherheit: Mein erstes Jahr in der Selbstständigkeit
📖 Online-Live-Demo: Wenn Arbeit krank macht
📖 Erkenntnisse aus der ersten Online-Live-Demo
Wenn du magst, höre auch gerne in die Podcastfolgen rein. Auch dort berichte ich über die Online-Live-Demos sowie über meine eigenen Erfahrungen aus meinem Berufsleben. Zudem habe ich auch immer wieder spannende Gäste, mit denen ich über Systeme, Finanzen und Businessstrategien im Kontext von Neurodivergenz spreche.
Und wie auch dort, sage ich nun auch hier:
„Lass dich nicht ausbremsen! Denke größer und geh mutig los. Es lohnt sich 😉.“
